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Kinderängste verstehen und begleiten: 7 Tipps, wie du Kinder durch die Angst begleitest

Ängste gehören zur normalen Entwicklung von Kindern und auch zum Leben dazu. Um die Kinder in ihrer Entwicklung zu stärken, ist es wichtig, empathisch und bewusst mit Kinderängsten umzugehen. Ängste zu ignorieren, Kinder schutzlos ihren Ängsten auszuliefern oder nicht für eine angstfreie Umgebung zu sorgen, hemmt die Entwicklung der Kinder. 

Das steckt hinter Ängsten 

Ängste sind nichts Schlechtes oder Schlimmes. Sie sind ein wichtiges Gefühl, das wie ein Wegweiser fungiert. Sie haben eine wichtige Schutzfunktion. Zu starke Ängste können die Entwicklung allerdings auch behindern, die Kinder lähmen und ihr Handeln einschränken.

Betrachte die Ängste daher immer als das, was sie sind: eine Warnung. Das Kind fühlt sich in einer Situation überfordert. Auch, wenn du es aus deiner Perspektive heraus vielleicht anders siehst. Dabei kann die Angst verschiedene Ursachen haben:

  • Das Kind fühlt eine Bedrohung von außen, wie Dunkelheit, Tiere, größere und laute Kinder, fremde Personen.

  • Das Kind hat bedrohliche innere Bilder, Vorstellungen oder Fantasien – wie das Monster unter dem Bett oder Gespenster – oder befürchtete Naturkatastrophen

  • Das Kind erlebt Veränderungen im Zuge von Übergängen in andere Lebensabschnitte, wie den Start in die Kita, den Schulbeginn oder ein Ausflugsziel, das dem Kind unbekannt ist

  • Das Kind durchlebt körperliche Veränderungen, die durch eine Krankheit oder Wachstum erfolgen, oder auch Krankheiten von anderen Personen oder Tieren

Angst schützt Kinder vor Gefahren. Doch Angst kann auch lähmen und einschränken. Dann hat sie das sinnvolle Maß überschritten und ist keine schützende und positive Kraft mehr. Sie verwandelt sich ins Gegenteil. In der Übersicht auf dieser Seite findest du Beispiele für eine schützende, positive Angst und Ängste, die Kinder lähmen oder einschränken. 

Gegenüberstellung von gesunden und ungesunden Ängsten:

Gesunde Angst

Ungesunde Angst

Anna ist gerade in der Eingewöhnungsphase in der Kita. Seit drei Tagen bleibt Anna für kurze Zeiten ohne ihre Mutter im Gruppenraum. Die Mutter verabschiedet sich immer herzlich von Anna und geht dann in das Elternzimmer. Anna weint immer, wenn die Mutter den Raum verlässt. Sie lässt sich schnell von der Erzieherin Jasmin beruhigen. Sie hält ihr Kuscheltuch fest an sich geklammert und liebt es, mit Jasmin Bilderbücher zu betrachten, bis ihre Mutter wiederkommt. Dann lässt Anna ihre Mutter nicht mehr aus den Augen. Sie hält sich immer ganz nah bei ihr auf. 

Annas Mutter berichtet, dass ihre Tochter zuhause auch immer genau darauf achtet, wo die Mutter ist und sofort hinterherläuft, wenn sie den Raum verlässt. Anna hat Angst, dass die Mutter wieder geht. 

Die Angst hat Anna nicht gelähmt, sondern vorsichtiger gemacht, und Anna erfährt, dass sie aktiv etwas gegen ihre Angst machen kann (ihr Kuscheltuch als Trostspender, das Bilderbuchbetrachten mit Jasmin, die Mutter begleiten). 

Sie kann Angst überwinden und muss ihr nicht ausgeliefert bleiben – eine stärkende Erfahrung für ihr Leben.

Luisa wollte im Kaufhaus gemeinsam mit ihrer Mutter die Rolltreppe hochfahren. Als die Mutter auf die Treppe steigt, bleibt Luisa stehen. Die Mutter kann nicht umdrehen und fährt die Treppe hoch und sofort wieder herunter. Luisa steht während dieser Zeit weinend an der Rolltreppe. Nach kurzer Zeit waren beide wieder vereint. 

Jetzt hat Luisa große Angst, ihre Mutter nochmals zu verlieren. Insbesondere Rolltreppen meidet das Kind, so dass die Familie immer mit dem Aufzug fahren muss. 

Auf Spielplätze traut sie sich nur noch, wenn ihre Mutter immer direkt neben ihr steht oder sitzt. Wenn die Familie gemeinsam einkaufen oder insbesondere in ein Kaufhaus gehen möchte, bekommt Luisa plötzlich Bauchschmerzen, so dass sie zuhause bei der Oma bleibt, während die Familie einkaufen geht. Diese Phase hält schon seit 2 Monaten an. 

Obwohl Luisa im Kaufhaus nur kurz alleine war, wird sie von ihrer Angst geschwächt und in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. 

In einem gesunden Maß gehört die Angst zum Leben und ist ein wichtiges Gefühl. Akzeptiere, dass manche Kinder mehr Angst haben als andere und dass sie ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit ist. Daher solltest du immer empathisch handeln. Auch, wenn eine Situation in deinen Augen nicht angsteinflößend ist. Für das Kind ist sie das schon und nur das zählt. 

Verzichte auf die Aussage: „Du musst keine Angst haben.“ Das Kind hat in der Situation Angst und braucht deine Unterstützung. Durch diese (gut gemeinte) Aussage erlebt das Kind: „Meine Emotionen sind falsch“. 

Tröste Kinder in angsteinflößenden Situationen. Durch deine wertschätzende und verständnisvolle Haltung fühlen sich die Kinder ernst genommen. Diese Sicherheit brauchen die Kinder, um sich mit ihrer Angst auseinandersetzen zu können. Das erreichst du nicht, indem du Kinder mit ihren Ängsten allein lässt. 

WICHTIG

Kindern Trost zu verweigern, weil es in deinen Augen „nicht so schlimm” ist oder „das Kind lernen soll, allein damit zurecht zu kommen“ ist eine eindeutige Grenzüberschreitung und seelische Gewalt gegenüber Kindern. 

Typische Kinderängste und was Kinder von dir als Fachkraft brauchen 

Es gibt einige Ängste, die auf ganz normalen Entwicklungsschritten von Kindern beruhen. Ich habe dir in dieser Übersicht solche typischen Ängste zusammengestellt. Zudem erfährst du, was die Kinder in der Situation von dir als Fachkraft benötigen. 

Übersicht: Diese Ängste gehören zu einer gesunden Entwicklung dazu

Alter oder Entwicklungsphase des Kindes

Ängste

So zeigt sich die Angst

Das brauchen Kinder

Immer vorhanden

Urängste 

  • Ängste vor Schmerzen, vor Feuer, vor plötzlichen Geräuschen, Gewitter, Tieren, vor dem Alleinsein etc. 
  • Das Kind wendet sein Gesicht ab.
  • Es Klammert sich an die Bezugsperson fest.
  • Das Kind versteckt sich.
  • Es läuft weg oder krabbelt weg. 
  • Es weint. 
  • Diese Angst ist ein wichtiger Schutzmechanismus. Akzeptiere diesen als solchen.
  • Schenke dem Kind unbedingt die Sicherheit, die es benötigt, z.B. indem du mit ihm sofort die Situation verlässt, ihm körperliche Nähe gibst etc. 
  • Tröste und beruhige das Kind. 

Säuglingsalter

Kontakt-Verlust-Angst 

  • Der Säugling sucht viel Nähe, Geborgenheit und Körperkontakt.
  • Gib dem Säugling viel Nähe und Geborgenheit. 
  • Achte darauf, dass der Säugling so liegt, dass er dich sehen kann. 

ab ca. 8 Monaten

Fremdeln 

  • Kinder zeigen Angst vor fremden Personen. Das kann auch manchmal Familienmitglieder betreffen oder nicht so bekannte Kolleg/innen, den Koch oder den Hausmeister.
  • Die Angst äußert sich dadurch, dass die Kinder das Gesicht verziehen, als wenn sie weinen wollen. 
  • Sie verstecken sich hinter einer Bezugsperson oder verstecken ihr Gesicht, indem sie dieses zum Körper der Bezugsperson drehen.
  • Einige Kinder schreien laut. 
  • Die Kinder brauchen unbedingt die Sicherheit einer bekannten Person. 
  • Tröste das Kind. 
  • Versuche auf keinen Fall, das Kind der fremden Person zu übergeben, damit es lernt, dass diese Person nett ist. 
  • Achte darauf, eine Distanz zu der fremden Person aufzubauen, so dass das Kind sich sicher fühlt. 

wenn ein Kleinkind laufen lernt

Trennungsangst 

  • Das Kind ist stolz auf seine neugewonnene Beweglichkeit und entfernt sich von den Bezugspersonen. Zugleich macht ihm diese kleine Trennung auch Sorgen. 
  • Das Kind blickt sich immer wieder um, um sich zu vergewissern, dass die Bezugsperson noch da ist. 
  • Lobe das Kind für seine Erlebnisse, wenn es sich von der Bezugsperson entfernt hat. 
  • Spende dem Kind Trost, wenn es sich ängstigt. 
  • Begleite das Kind bei seinen Entdeckertouren.
  • Entdeckt gemeinsam unbekannte Situationen, die dem Kind Angst machen. 

zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr

Vernichtungsangst 

  • Das Kind merkt, dass es mehr Fähigkeiten hat und dass es trotzdem noch viel stärkere Menschen gibt.  Das sorgt für Angst. 
  • Dadurch provoziert es z.B. keine größeren Kinder, wenn keine schützende Person in der Nähe ist oder entfernt sich in unbekannter Umgebung nicht zu weit von seinen Bezugspersonen. 
  • Den Ratschlag: „Du brauchst keine Angst zu haben“ solltest du unbedingt vermeiden. 
  • Nimm die Angst ernst. 
  • Lasse das Kind erzählen, wovor es sich genau fürchtet.
  • Kleine Tricks, z.B. ein Zauberstein, der Kraft verleiht, oder ein Monster-Weg-Spray helfen oftmals sehr gut gegen diese Art von Ängsten. 

2 – 6 Jahre

„magische“ Ängste

  • In der magischen Phase können Angst- und Alpträume den Schlaf empfindlich stören.
  • Das Denken und Handeln der Kinder wird durch magische Vorstellungen beeinflusst, in denen für das Kind alles möglich ist: Monster, Geister, Gespenster und ähnliche Gestalten existieren tatsächlich. 
  • Da könnte es doch tatsächlich auch sein, dass sich so manches Monster unter dem Bett oder hinter dem Vorhang versteckt hat. Und könnte die Hexe oder der Wolf aus dem Märchenfilm nicht vielleicht doch aus dem Fernseher herauskommen? 
  • Da wäre es doch gut, nicht allein zu sein und die Eltern in der Nähe zu wissen …

Viele Ängste haben einen entwicklungspsychologischen Hintergrund und verschwinden nach einiger Zeit von selbst wieder. Dennoch solltest du die Ängste der Kinder unbedingt ernst nehmen und behutsam darauf eingehen. Denn Ängste haben auch immer eine Schutzfunktion. Zudem ist es wichtig, den Kindern durch die bekannten Strukturen und deine Empathie Sicherheit zu geben. Ebenso brauchen sie viel Nähe und Geduld. Dann wird diese Phase schnell vorübergehen.

Gleichfalls ist es wichtig, dass du empathisch auf die Ängste der Kinder reagierst. Im nächsten Blogartikel findest du 5 Tipps, wie du mit Kinderängsten umgehst. 


Schlagworte

Angst, Kinder, Kinderängste, Tipps


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