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Brauchen die Kinder nach „Corona“ eine neue Eingewöhnungsphase?

Brauchen die Kinder nach „Corona“ eine neue Eingewöhnungsphase?

Zurzeit steht häufig die Frage im Raum: Brauchen die Kinder nach der „Corona-Zeit“ eine neue Eingewöhnung? Um die Antwort auf diese Frage zu verdeutlichen, möchte ich zunächst theoretisch auf das „Transitionsmodell“ eingehen. „Transitionen“ oder „Übergänge von der Familie in die Kita“ oder „von der Kita in die Schule“ werden Ereignisse bezeichnet, die für die Betroffenen bedeutsame Veränderungen mit sich bringen. Die Betroffenen sind nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Die Transitionsforscher sprechen auch von „verdichteten Entwicklungsanforderungen“ und meinen damit, dass auf die Personen (Eltern und Kinder), die in einen Transitionsprozess eintreten, in einem gedrängten Zeitrahmen viel Neues einströmt, auf das sie reagieren müssen, und zwar mit intensiven und beschleunigten Lernprozessen.

Genau diese Entwicklung durchleben wir gerade alle. Dieses Mal weder geplant noch mit einem großen Vorlauf, so wie die anderen Übergänge, die die Kinder ansonsten erleben.

Die Kinder erleben „nach Corona“ keinen kompletten Neustart

Bei diesem Übergang „zurück in die gewohnten Strukturen“ haben die Kinder einen großen Vorteil. Denn die Situation, die die Kinder erleben ist nicht vollkommen neu, sondern sehr bekannt. Die Kinder haben die Strukturen und Rituale verinnerlicht. Zudem haben die Kinder in der Regel bereits alle Basiskompetenzen erworben, die sie für einen erfolgreichen Kita-Besuch benötigen. Sie haben bereits den Entwicklungsschritt zum Kita-Kind vollzogen. Dieser Entwicklungsschritt hat sich nicht in „Luft aufgelöst“. Vielleicht sind machen Kompetenzen nur etwas in den Hintergrund gerückt worden, da in der Familie andere Dinge wichtiger waren. Beispielsweise die Selbständigkeit, die in der Kita meistens mehr gefordert wird als im Elternhaus. 

Sie, als pädagogisch Fachkraft haben bereits bei der Eingewöhnung in der Kita viel Zeit investiert, um eine gute Bindung aufzubauen. Ganz behutsam und schrittweise haben Sie die Kinder eingewöhnt. Diese Übergangserfahrungen, sowie die Bindung und Beziehung, die Sie zu den Kindern vor der Corona Zeit hatten, sind nicht weg. Vielleicht sind sie bei dem einem oder anderen Kind etwas in Vergessenheit geraten. Sie können von den Kindern wieder hervorgerufen werden.

Eine Wieder-Eingewöhnung verläuft auch im Kontext der Kita-Gruppe

Alle Kinder, die zurück in die Kita kommen, haben dieselben Entwicklungsaufgaben zu meistern. Aus den Forschungen zu den „Peer-Groups“ wissen wir, dass Kinder sich gegenseitig unterstützen und untereinander helfen. Die Kinder haben sich bereits als ein Teil der Kita-Gruppe erlebt. Sie wissen, wie viel Freude es macht, Zeit mit anderen Kindern zu verbringen. Sie haben Erfahrungen in der Interaktion und Konfliktbewältigung mit anderen Kindern. 

Anders, als bei der Eingewöhnung zu Beginn die Kita-Zeit kommen die Kinder nicht ohne diese Vorerfahrungen zu Ihnen in die Kita. Die Kinder sind bereits ein Teil der Gruppe und haben die entsprechenden sozialen und emotionalen Kompetenzen erworben. 

Da die Wieder-Eingewöhnung auch im Kontext mit der Kita-Gruppe verläuft, sollten Sie alle Kinder aktiv mit einbeziehen. Fragen Sie die Kinder, die jetzt schon die Kita besuchen, wie sie den anderen Kinder, die in den nächsten Wochen wieder zu ihnen kommen, ihre Freude ausdrücken können. Entwickeln Sie gemeinsam Ideen und Rituale. Beispielsweise indem Sie gemeinsam einen Brief schreiben, Videobotschaften an diese Kinder senden oder Fotos von der anwesenden Kita-Gruppe verschicken. Achten Sie dabei unbedingt auf den Datenschutz.

Bedenken Sie gleichzeitig: Übergänge brauchen ihre Zeit

Haben Sie Vertrauen in die positiven Übergangserfahrungen, die die Kinder schon beim Start in der Kita gemacht haben. Denken Sie an die gute Basis, die Sie in den letzten Jahren geschaffen haben. Denn die Kinder werden diese positiven Erfahrungen sicherlich schnell wieder abrufen. 

Bedenken Sie auch: Ein klassischer Übergangsprozess verläuft über einen längeren Zeitraum. Er beginnt schon lange vor dem ersten Kita- oder Schultag:

  • Durch Gespräche mit dem Kind über die neue Lebenssituation. 
  • Indem Sie oder die Eltern mit dem Kind Bücher zu dem Übergang betrachten. 
  • Wenn Eltern und Kinder eine Kita- oder Schultasche kaufen. 
  • Durch einen Schnupper-Besuch in der neuen Kita oder Schule. 

Bitten Sie die Eltern auch jetzt schon immer wieder über den ersten „neuen“ Kita-Tag zu sprechen. Auch wenn „der Tag X“ häufig noch ein unbestimmtes Datum ist. Durch solche Gespräche und Vorbereitungen begleiten die Eltern den Übergangsprozess. Ebenfalls kann es hilfreich für das Kind sein, die benötigten Utensilien wie die Kita-Tasche oder Turnkleidung bewusst herzurichten.

Tipp:


Unterstützen Sie diesen Prozess, indem Sie beispielsweise den Kindern einen Brief mit einer Aufgabe schicken z.B. ein Bild malen, worauf Sie sich am ersten Kita-Tag freuen. Bitten Sie die Eltern bei einem Spaziergang dieses Bild bei Ihnen in der Kita in den Briefkasten zu werfen. Hängen Sie diese Bilder in der Kita aus. Vielleicht sogar an ein Fenster, das zur Straße zeigt. So können alle Kinder, die bei Ihnen in der Kita vorbeikommen, dieses betrachten und darüber sprechen. Bitten Sie die Eltern auch, gelegentlich Spaziergänge zur Kita zu unternehmen und dabei bewusst über den „Tag X mit dem Kind zu sprechen“. Die Eltern sollten dabei ihre Zuversicht ausdrücken, dass das Kind den Neustart gut meistert.

Erinnern Sie sich an die Eingewöhnung der Kita-Kinder

Erinnern Sie sich jetzt nochmals bewusst daran, wie bei jedem Kind der Übergang zu Ihnen in der Kita verlaufen ist. Denn die Übergangserfahrungen, die das Kind damals gemacht hat, bilden nun die Basis. Lesen Sie nochmals ihre Dokumentation. Was hat dem Kind damals geholfen, den Übergang gut zu bewältigen. Überlegen Sie, ob diese Strategien nun auch hilfreich sein können. 

Bedenken Sie immer wieder, jeder Übergang ist individuell. Sicherlich wird es Kinder geben, die nun auch wieder mehr Zeit benötigen. Schenke Sie den Kindern diese Zeit und begleiten Sie diese. Denn ein Übergang vollzeiht sich immer als ko-konstruktiver Prozess, zwischen Kinder, Eltern und Ihnen. Richten Sie dabei immer den Blick auf das Kind. Die Frage: „Was braucht das Kind in diesem Prozess“ hilft Ihnen im Dialog mit den Eltern.

Anregung für Ihre Teamarbeit


Tauschen Sie sich im Team darüber aus: 

  • Welche konkreten Entwicklungsaufgaben haben Kinder bei diesem Übergang zu bewältigen? 
  • Welche konkreten Entwicklungsaufgaben haben die Eltern während des Übergangs zu bewältigen?

Der Blick auf diese Entwicklungsaufgaben wird Ihnen dabei helfen, zielgerichtet zu überlegen, wie Sie Eltern und Kinder dabei unterstützen können.

Rüsten Sie sich für das Thema „Trauma und traumatische Erlebnisse“

Sicherlich werden einige Kinder während der Corona-Zeit auch viele herausfordernde Erlebnisse gemacht haben. Bedingt durch die Situation in der Familie. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass einige Kinder mit traumatischen Erfahrungen zurück in die Kita kommen. Lesen Sie hierzu auch nochmals unseren Blogartikel zum Thema „Kinder & Corona“.

Zeigen Sie sich sensibel, wenn Kinder sich plötzlich ganz anders Verhalten, als noch vor der Corona-Krise. Beobachten Sie diese Kinder und sprechen Sie mit den Eltern. Überlegen Sie gemeinsam, was zu diesen Veränderungen geführt haben könnte und was das Kind braucht.

Fortbildungs-Tipp


Wenn Sie noch mehr Unterstützung zu diesem Thema suchen, dann ist unsere neue online Fortbildung genau richtig für Sie. Sie unterstützt Sie dabei zu verstehen, wie und wodurch es zu einem Trauma kommen kann und sich dieses im Gehirn auswirkt.

Mein Fazit

Die Kinder benötigen sicherlich Zeit, um diesen Übergang gut zu gestalten und positiv zu erleben. Dabei sollten Sie als Fachkräfte, die Eltern und auch die anderen Kinder unterstützend zur Seite stehen. In diesem Sinne sage ich „Ja, die Kinder benötigen eine Eingewöhnung“, aber dieses bedeutet nicht pauschal, dass die Kinder erst für wenige Stunden die Kita besuchen. Für das eine oder andere Kind oder für Kleinkinder die noch keine gute Bindung zu Ihnen aufbauen konnten, mag dieses sinnvoll sein.

Die Kinder benötigen eine Eingewöhnung in dem Sinne, dass Sie die Kinder bei dem Wiedereinstieg in die Kita gut begleiten. Sie sollten als unterstützende Bezugsperson die Bindung und Beziehung zu Ihnen und den anderen Kindern wieder aktivieren. Stellen Sie daher unbedingt den Beziehungsaufbau zu Ihnen und den Kindern untereinander in den Fokus ihrer Aktivitäten. Das braucht sicherlich Zeit – eine Wieder-Eingewöhnungszeit. Behalten Sie auch unbedingt im Hinterkopf, dass einige Kinder mit herausfordernden Erfahrungen wieder zurück in die Kita kehren und eine ganz besondere Begleitung bedürfen, um diese zu verarbeiten. 

Vertrauen Sie voll und ganz auf die tragfähige Beziehung, die Sie in den letzten Jahren zu den Kindern aufgebaut haben. Setzen Sie auf die Kompetenzen der Kinder, den Wiedereinstieg gut zu meistern. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.

Ihre 

Bianca Hofmann 

Fortbildung
Unsere Unterstützung für Sie:

Neue online Fortbildung „Pädagogische Unterstützung bei der Traumabewältigung von Kita-Kindern“

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Dieses Wissen hilft Ihnen dabei, die Kinder und deren möglicherweise unerwartete und nicht situationsangemessene Reaktionen besser zu verstehen und pädagogisch angemessen zu begleiten. Sie bekommen viele praktische Ideen und Tipps an die Hand, wie Sie:

Was dich erwartet...

  • die Resilienz der Kinder stärken,
  • die Ressourcen der Kinder bewusst machen und (wieder) aktivieren,
  • durch Ihre achtsame Unterstützung den Kindern Trost und neue Hoffnung schenken,
  • den Kindern vermitteln, dass die Kita ein sicherer Orte ist.
  •  

    Von diesen Ideen und Tipps profitieren nicht nur Kinder, die ein Trauma erlebt haben, sondern alle Kinder in Ihrer Kita.


    Schlagworte

    Corona, Coronakrise, Fachkraft, Kinder, Kita, Krise, Maßnahmen, Trauma, wiedereingewöhnung, Wiedereinstieg


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