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„Wie reagieren wir, wenn die Kinder wieder zurück in die Kita kommen?“

"Wie reagieren wir, wenn die Kinder wieder zurück in die Kita kommen?"

In den letzten Wochen wurde ich immer wieder gefragt: „Wie sollen wir reagieren, wenn die Kinder wieder in die Kita zurückkommen?“ Oder „Wie können wir den Kindern einen schönen Empfang bereiten?“ Wir und die Kinder haben in der Corona-Krise eine sehr herausfordernde Zeit durchlebt oder durchlebe sie gerade noch. Manche Menschen sprechen sogar von einer traumatischen Zeit. Wie gesund Kinder solch eine traumatische Zeit überstehen, hängt zum einem von dem Umgang mit der Situation, der guten Begleitung der Kinder, als auch der Resilienz der Kinder ab.

Bevor wir in unserer zweiteiligen Serien darauf eingehen, wie Sie reagieren können, wenn die Kinder wiederkommen, sollten wir uns erstmals bewusst machen, wie die Kinder der Corona-Schließzeit erlebt haben. Denn dieses hilft Ihnen dabei, die Kinder besser zu verstehen und achtsam auf sie einzugehen.

Erleben Kinder wirklich ein Trauma durch die Corona-Krise?

Die Corona-Krise kann als zweite globale Traumatisierung verstanden werden, die Sie als über 30-jährige Fachkraft in Ihrem Leben vielleicht erleben. Die meisten werden sich noch gut an den Schock am 11. September 2001 erinnern, als ganz unvermittelt zwei Flugzeuge in die Türme des World-Tradecenters gefolgten sind.

Immer und immer wieder gingen diese Bilder durch die Medien. Egal auf welchen Fernseh-Kanal Sie damals geschaut haben, es gab kein anderes Programm im Fernsehen. Überall Sondersendungen, die die Schreckensminuten und das Grauen immer wieder und in Zeitlupe zeigten. Wir alle waren wie gelähmt, da wir uns so etwas bislang nicht vorstellen konnten. Viele Menschen lebten danach in Angst vor dem Terrorismus und wir haben in den nächsten Jahrzehnten noch weitere Erfahrungen mit Terror gemacht.

Zwar erleben die Kinder gerade keine grausamen Terroranschläge, aber sie erleben wie viele Erwachsene verunsichert, verängstigt oder auch in einer Schockstarre sind. Kinder erleben, wie Erwachsene Angst und Panik vor einer möglichen Erkrankung und dem daraus resultierenden Tod haben. Zeitweise hatte ich – als erwachsener Mensch -sogar das Gefühl, mich würden draußen vor der Tür, direkt der leibhaftige Tod anspringen, so groß war die Panik mancher Menschen.

Nun bin ich erwachsen und kann das besser relativieren. Kinder können dieses noch nicht. Sie erleben nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch im Alltag diese Ängste und Panik. Wenn Sie das Haus verlassen und viele Menschen mit Mundschutz und Handschuhen sehen. Auf mich wirkt dieses manchmal so, als hätten wir gerade eine Apokalypse erlebt. Wie mag es da nur einem Kind gehen, das nicht einordnen kann, dass es ein Schutz, aber keine Bedrohung ist.

Manche Kinder reagieren mit Ängsten, Schlafstörungen oder Albträumen auf die momentane Situation. Andere hingegen sind eher auffällig unauffällig. Sie ziehen sich trotz der Isolation zuhause noch mehr zurück, lenken sich ab mit Fernsehen oder Videospielen.

Die soziale Isolation kann für Kinder eine hohe Belastung bedeuten

Nahezu täglich genießen die Kinder Sozialkontakte bei Ihnen in der Kita. Sie treffen ihre Freunde, tauschen sich mit gleichaltrigen Spielpartnern aus, messen ihre Kräfte und haben Spaß miteinander. All das ist von heute auf morgen weggefallen. Wir konnten nur noch reagieren und nicht im Voraus die Veränderungen aktiv planen und gestalten.

Menschen sind soziale Wesen, eine Isolation kann daher zu einer Belastung werden. Ganz besonders, wenn die Eltern mit der Situation überfordert sind.

Ihre Rolle ist unersetzbar!


Sie als Fachkraft, haben die Familien in dieser Situation bereits bestmöglich unterstützt, indem Sie die Eltern mit Anregungen wie Lieder, Fingerspiele, Bastelangebote, Experimente etc. versorgt haben. Vielleicht haben Sie sogar per Telefon, Videonachrichten, einem virtuellen Morgenkreis oder ähnliches Kontakt gehalten. Damit haben Sie intuitiv genau das Richtige gemacht, Sie haben den Familien geholfen die Zeit sinnvoll zu gestalten und eine Brücke – aus der sozialen Isolation heraus gebaut. Sie können sehr stolz auf Ihre Leistung sein. Damit haben Sie bereits einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die Kinder diese soziale Isolation gut durchleben.

WICHTIG


Ein weiterer Punkt, den Sie nicht aus den Augen verlieren sollten, ist:

  • durch die soziale Isolation und durch mangelnde Ausweichmöglichkeiten der Eltern (Beruf, Sport, Freunde treffen etc.), kann es zu einer gereizten Situation in der Familie kommen.
  • die soziale Unterstützung, die Eltern normalerweise durch die eigene Familie, Freunde, durch Sie als Fachkraft und der Kita erleben sind weggefallen.

Prognosen gehen davon aus, dass während der sozialen Isolation die Gewalt in Familien um bis zu 300% gestiegen ist. Davon sind nicht nur Familien betroffen, die schon zuvor gefährdet waren. Wenn Kinder emotionale oder körperliche Gewalt oder Vernachlässigung durch Bezugspersonen erleben, kann dieses zu einem Trauma führen. Daher sollten Sie achtsam damit umgehen, welche Erfahrungen die Kita-Kinder während der Corona-Zeit in den Familien erlebt haben. Reagieren Sie darauf sensibel.

Verfallen Sie selbst nicht in Panik.

Ich möchte Ihnen mit der vorangegangenen Aufzählungen keine Panik machen, dass nun alle Kinder traumatisiert zu Ihnen in die Kita zurückkommen. Ich möchte Sie für dieses bedeutende Thema sensibilisieren. Denn ob ein Ereignis eine traumatisierende Wirkung auf die Kinder hat, hängt mit den individuellen Eigenschaften jedes Kindes zusammen. Kurz gesagt, seiner eigenen Resilienz und welche Unterstützung es bei der Bewältigung des belastenden Erlebnisses durch Bezugspersonen erfährt. 7 Tipps, worauf Sie in den ersten Wochen unbedingt achten sollten, und welche Unterstützung Sie den Kindern geben können, erfahren Sie im nächsten Blog-Artikel.

Fortbildung
Unsere Unterstützung für Sie:

Neue online Fortbildung „Pädagogische Unterstützung bei der Traumabewältigung von Kita-Kindern“

Wenn Sie noch mehr Unterstützung zu diesem Thema suchen, dann ist unsere neue online Fortbildung genau richtig für Sie. Sie unterstützt Sie dabei zu verstehen, wie und wodurch es zu einem Trauma kommen kann und sich dieses im Gehirn auswirkt.

Dieses Wissen hilft Ihnen dabei, die Kinder und deren möglicherweise unerwartete und nicht situationsangemessene Reaktionen besser zu verstehen und pädagogisch angemessen zu begleiten. Sie bekommen viele praktische Ideen und Tipps an die Hand, wie Sie:

Was dich erwartet...

  • die Resilienz der Kinder stärken,
  • die Ressourcen der Kinder bewusst machen und (wieder) aktivieren,
  • durch Ihre achtsame Unterstützung den Kindern Trost und neue Hoffnung schenken,
  • den Kindern vermitteln, dass die Kita ein sicherer Orte ist.
  •  

    Von diesen Ideen und Tipps profitieren nicht nur Kinder, die ein Trauma erlebt haben, sondern alle Kinder in Ihrer Kita.


    Schlagworte

    Corona, Coronakrise, Fachkraft, Kinder, Kita, Krise, Maßnahmen, Trauma, Wiedereinstieg


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